Liebe, Beziehung und Behinderung

Dürfen behinderte Menschen lieben?

Oft stoße ich im Internet immer wieder auf die Frage: „Behinderung und Beziehung – geht das?“

Oder sogar: „Dürfen Behinderte Beziehungen haben?“

Sorry, aber geht’s noch? Warum sollten sie denn nicht? Und warum sollte das nicht gehen?

Als ich mich entschieden hatte eine Bindung mit meiner Frau einzugehen war von Anfang an klar, dass es nicht immer Heiter-Sonnenschein sein würde - zumindest gesundheitlich. Zwar war ich noch gesund zu der Zeit, und es war auch nicht abzusehen, dass schon fünf Monate nach unserem Glück die Beziehung auf eine harte Probe gestellt werden sollte, aber es war von vorn herein klar, dass Claudia nicht gesund ist. Nie machte ich mir vor, dass wir einfach glücklich und gesund „vor uns hin lebten“. Doch ich liebte sie und akzeptierte es. Die Zeit würde kommen, wo sie vielleicht im Rollstuhl sitzen würde, nicht mehr selber konnte, bei vielem Hilfe brauchte, der Körper sich so weit selbst zerstört hat, dass auch sie nicht ohne Hilfe mehr leben kann. Auch die Lebenserwartung ist nicht ganz so hoch wie bei einem gesunden Menschen. Doch es war mir egal - ich liebte sie schließlich. Und wer sagt, dass ich das nicht darf, weil sie Krank ist? Aber viele Behinderte stellen sich tatsächlich, und wie ich auch finde, leider, sehr häufig diese Frage.

Dass sich unser Glück nach fünf Monaten drehte (nein, es veränderte sich) konnte keiner ahnen. Und doch sind wir noch immer glücklich. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass wir glücklicher sind als andere, gesunde Menschen. Sie war immer für mich da, auch in schweren Zeiten, und dafür danke ich ihr. Es geht, wenn man will, und man schafft es auch diese Zeiten durchzustehen. Nur muss man dann auch wirklich zusammenhalten, darf kein bisschen Zweifeln, darf nichts auf das Gerede anderer geben. Nur zwei Personen sind dann wichtig, und die müssen dann aber auch vollkommen eins und einig sein. So schätze ich das Ganze ein, so ist es bei mir und meiner Frau und so kann es nicht so falsch sein.

Wichtig ist dass man keinen Wert legt auf das, was andere sagen. Ob man nun ein schönes Bild als Paar abgibt oder nicht. Wichtig ist, wie zwei Menschen zueinander stehen. Meine Frau hat mir während der Entstehung und Verschlimmerung meiner Krankheit sogar noch einen Heiratsantrag gemacht. Der Standesbeamte, der uns traute, war auch sichtlich überhaupt nicht damit einverstanden - daraus machte er keinen hehl und versuchte es gar nicht zur verstecken. Nicht nur, dass ich so krank bin, so ist Claudia auch noch viel älter. Und für den Standesbeamten verstieß das ganz klar gegen seine ethischen Grundsätze. Ist doch egal, denn es hat keinen zu interessieren. Und das sollte man sich immer vor Augen halten und bloß nicht auf die Menschen, die sich daran anstossen, reagieren, denn das ärgert sie, wie schon „Die Ärzte“ sangen, am meisten.

Sexualität

Und selbst, wenn ein Behinderter meint, keine Beziehung eingehen zu können, hat auch er wahrscheinlich ein sexuelles Verlangen. Viele Behinderte suchen dann "Professionelle", extra für Behinderte, auf, die es immer häufiger gibt. Die nennen sich zwar anders, erweisen aber praktisch auch Liebesdienste. Ich habe mich mal im Chat mit einer Frau unterhalten, die mir sagte, dass es nicht nur um Sex, sondern auch um Zärtlichkeiten geht. Ich persönlich kann mir einfach nicht vorstellen, dass man, wenn man sich unbekannt ist, auch Zärtlickeiten austauschen kann. Aber das ist auch, wäre ich gesund, für mich unbegreiflich. Reinen Sex kann ich verstehen, aber es soll tatsächlich so sein. Das bestätigen auch Kunden von ihr. Aber da hat jeder ein eigenes Empfinden und eine andere Einstellung zu. Auf jeden Fall aber finde ich es toll, dass es solche Menschen gibt - auch wenn die Preise sehr heftig und schon fast ausbeutend sind. Aber das sei dahingestellt...

Und auch in den Beziehungen mit oder von Behinderten gibt es sexuelles Verlangen und Sexualität, die man ausleben sollte und auch ausleben kann. Natürlich muss man sich umstellen, umdenken, und vielleicht ist der Akt an sich auch nicht mehr möglich. Aber Sexualität bedeutet mehr als das, und den Partner kann man auf viele Weisen befriedigen. Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Ich spreche damit wie so oft jetzt wohl ein Tabu-Thema an, gerade mit/unter Behinderten, aber genau aus diesem Grunde spreche ich es jetzt mal ganz offen an. Und glaubt mir: Auch ich habe da eine gewisse Hemmschwelle, die es zu durchbrechen gibt. Aber wir alle sind doch Menschen und haben menschliche Bedürfnisse - ob gesund oder krank, ist völlig egal. Und auch wenn man sich nicht mehr gegenseitig befriedigen kann, so ist Sexualität doch weitaus mehr als nur Befriedigung - dazu gehören Streicheln, kuscheln ... Zärtlichkeiten.