Meine Geschichte

Der Wahnsinn beginnt ...

„Es war ein langer, heißer und anstrengender Frühlingstag. Das Restaurant, in dem ich arbeitete, war gut besucht. Als ich dann Nachts völlig fertig zu Hause ankam, wollte ich eigentlich nur noch schlafen. Doch ich lag noch die halbe Nacht wach, weil ich dieses unangenehme Ziehen in den Beinen hatte. Wie Wachstumsschmerzen, doch aus dem Alter war ich mit 26 wohl schon lange raus. Die folgenden Wochen bestanden nur aus Stress, Arbeit, Ärger - und immer diesem seltsamen Gefühl in den Beinen, dass mich im Sommer, je wärmer es wurde, immer mehr quälte. Manchmal lies es mich nicht mal schlafen, so penetrant war es. Das Seltsamste jedoch war, dass es verschwand, sobald ich wieder aufstand. Eines Feierabends lag ich auf dem Sofa und sah fern, als plötzlich meine Beine hochschnellten. Sie zuckten einfach, hoben ab und vielen wieder aufs Bett. Damals jedoch wussten wir noch nicht, wo das Ganze hinführen würde.

Die nächsten Wochen ging ich durch die Hölle. Meine Beine machten, sobald ich im Bett lag, was sie wollten; zuckten immer öfter, unaufhörlich, die ganze Nacht hindurch. Das Ziehen mutierte zu Schmerzen und an Schlaf war fortan nicht mehr zu denken. Wobei: Denken tat ich nur noch daran. Aber das war auch alles. Meine Beine machten kaum noch eine Pause, zuckten mehrmals in der Minute. Und wenn ich dann mal schlief zuckten sie trotzdem weiter. Ich hatte nicht mehr als zwei Stunden Schlaf die Nacht - über mehrere Wochen hinweg. Zunehmend schlief ich gar nicht. Aber ich war ja nur überarbeitet - und arbeitete immer noch weiter. Zusehends sackten meine Beine im stehen völlig unter mir weg. Meine Kräfte waren wohl am Ende. Nach zwei aufeinanderfolgenden Nächten völlig ohne Schlaf schob mich meine Frau Mitte November zum Arzt . Das war im Sommer 2006..."

Mittlerweile bin ich zu 100% schwerbehindert, habe sämtliche Merkzeichen und erweiterte Pflegestufe III. Und noch immer weiß keiner, woran ich erkrankt bin. Tägliche Verrichtungen und die Körperpflege kann ich nur mit Hilfe verrichten. Nun werden viele überlegen, was das Leben dann noch wert ist, wozu es sich zu leben lohnt. Aber da gibt es so vieles. Ich stehe anderen mit Rat und Tat zur Seite, führe intensive Gespräche, erledige Telefonate, kämpfe mich mit meiner Frau durch den Behördenwahnsinn, erledige den Papierkram. Und die schönen Dinge des Lebens - wir haben unsere Tiere, die mich schon oft zum lachen brachten und mich getröstet haben. Wenn es geht mit anderen eine Runde Siedler spielen, und wenn es nicht geht, mit meiner Frau durch die virtuellen Wälder von Baldurs Gate metzeln. Außerdem auf der Terasse oder im Vorgarten, die meine Frau so liebevoll herrichtet, die schönen Tage genießen Und manchmal vielleicht sogar ein Kinobesuch. Die kleinen Freuden des Lebens. Man achtet zwar nicht mehr auf den in Wolken gehüllten Berggipfel, zu dem man gerade hinauf steigt und nie mehr ankommen wird. Doch dafür nimmt man die Blumen am Wegesrand wieder wahr...

Den Anfang kennt ihr ja nun. Doch wie ging es weiter? Nachdem meine Frau mich also zum Arzt schleppte, schloss dieser auf das Restless-Legs-Syndrom, kurz RLS. Ich bekam ein paar Pillen, die jedoch keinerlei Wirkung zeigten. So riet er mir eine Woche später einen Termin beim Neurologen zu machen, um schwerere Erkrankungen ausschließen zu können. Während der Wartezeit bis zu diesem Termin setzten bei mir starke Rückenschmerzen ein, so dass mein Chiropraktiker mir kurzerhand riet, mich direkt in die Notaufnahme der Uni-Klinik zu begeben. Da meine Beine zu dieser Zeit schon mehr zitterten, als unter mir wegzusacken, vermutete er einen Tumor im Rückenmarksbereich. Das war der erste Schock. Doch ahnten wir damals noch nicht, dass das, was darauf noch alles folgen sollte, wesentlich schlimmer war, als es diese Diagnose gewesen wäre ...

Kaum in der Uni-Klinik angekommen, passierte erst einmal - nichts. Wobei das nicht ganz richtig ist. Es wurde eine Anamnese gemacht, die aber jeder Praktikant hätte besser machen können, denn die Inhalte und Fakten waren völlig falsch und hatten nichts mehr mit dem zu tun, was ich dem Arzt erzählt hatte. Aber dann!! ... passierte nichts. Denn es war Donnerstag und somit schon fast Wochenende, und da lag man als Patient halt einfach mal so in der Gegend rum. Wochenende sollen die Ärzte ja auch machen, haben sie ja auch ein Recht drauf. Aber mit der Vermutung eines Tumors im Rückenmark und solchen Symptomen - ist man da nicht schon so etwas wie ein Notfall? Nein, denn ich kam mit meinem Kopf auf dem Hals dorthin und trug ihn nicht unter dem Arm. Nachdem sich meine Hausärzte am Dienstag nach mir erkundigten und erfuhren, dass ich nur das Bett warmgehalten hatte, aber sonst nichts passiert war, wurde noch Abends um 22.00 Uhr - weit nach Feierabend der Radiologie - ein CT gemacht. Das muss ein recht unangenehmes Gespräch für die Ärzte der Uni gewesen sein.

Die nächsten Tage wurde immerhin jeden Tag eine Untersuchung gemacht. Leider fielen diese immer wieder negativ aus und die Werte waren im Normbereich oder höchstens grenzwertig. In der Zeit der Klinik gingen auch meine nächtlichen Zuckungen zurück, bis sie gänzlich verschwanden. Eigentlich doch schön, und die Hoffnung keimte auf, dass es doch nichts bleibendes war. Aber das Zittern in den Beinen im gehen und stehen blieb. Und da jegliche Untersuchung negativ ausfiel, wurde ich mit einer psychischen Somatisierungsstörung entlassen.

Wobei - entlassen haben wir mich eigentlich selbst und natürlich auf eigene Gefahr. Denn zwei Tage lang redete keiner mehr mit mir und ich wusste nicht woran ich war. Und dann noch die Dreistigkeit zu besitzen und mich zu fragen, ob ich nicht noch eine Runde mit den Studenten quatschen möchte - das war zuviel und mir platze der Kragen. Ich fühlte mich wie ein Versuchskaninchen. Na ja, und die lächerliche Diagnose erfuhren wir dann erst von „meinem“ Neurologen. Eine Woche nachem ich aus der Klinik war, fingen dann natürlich auch die nächtlichen Zuckungen wieder an. Aber das spielte sowieso keine Rolle, da in der Klinik eh keiner mal ein Schlaflabor in betracht zog. Denn, auch wenn ich trotz der unruhigen Beine und der Schmerzen immer noch nicht schlafen konnte, so lag ich doch schließlich ruhig da.

Wie auch immer, der Neurologe aus der Praxis riet mir dann, mich in die psychosomatische Abteilung der Uni-Klinik einweisen zu lassen. Eigentlich waren meine Frau und ich dagegen, aber die Krankenkasse hätte uns dann das Krankengeld gestrichen. Also blieb uns nichts anderes übrig und ich musste am 23.01.07 schon wieder in die Klinik. Für sechs Wochen und mit dem Wissen, dass es nichts bringen würde - davon waren wir überzeugt.

In der Psychosomatik

Mein Aufenthalt in der Psychosomatik bestand daraus Bilder zu malen, wie blöd in Räumen herumzutanzen (obwohl ich ja kaum gehen konnte), Musiktherapie (worin jeder auf einer Trommel rumhämmerte, was ja für manche befreiend wirken mag, aber nicht für mich als Musiker), den Entspannungsübungen und natürlich - den psychologische Gesprächen. Versteht mich nicht falsch. Für manche Menschen sind die Therapien bestimmt sehr hilfreich und befreiend. Aber ich war da völlig fehl am Platz.

Zumindest hatte ich in dieser Hinsicht Glück, denn mein Psychologe war ein noch recht junger und vertrat nicht die typischen Ansichten der anderen und Schubladendenken schien es bei ihm nicht zu geben. Bei ihm war zumindest ich ein Schrank. Er analysierte auch nicht meine Bilder und las daraus meine Zukunft. Doch einmal musste ich zu „el jefe“, dem Gefürchtesten von allen. Er war genau das Gegenteil von meinem Psychologen; nämlich eine personalisierte Schublade.

Eigentlich hatte ich mit dem ja nichts am Hut, doch ich beging einen schweren Fehler. Als meine „Freunde“ mitbekamen, dass ich recht passabel sang und die Klampfe schwang, wurde ich gebeten, doch mal einen Abend zu spielen, um allen mal wieder eine schöne Zeit zu bereiten; auch wenn es nur ein Stündchen war. Auf Grund dessen war dann nächsten Tag Appell beim Chef angesagt. Er redete fünf Minuten auf mich ein, obwohl er doch nur hätte sagen müssen: „Sie haben Minderwertigkeitskomplexe.“ Doch das war ja nicht sein Stil. Weitere 10 Minuten vergingen, in denen er mir vermittelte, dass meine weiteren Probleme in meiner fünfzehn Jahre älteren Frau und meiner schweren Kindheit bestünden. Wo auch sonst - immerhin ein klassisches Beispiel bei meinem Lebensstil - und die Schubladen eins bis drei waren befüllt. Dann brauchte er nochmals zehn Minuten um mir mitzuteilen, dass ich mich öffnen und den Problemen ins Auge sehen müsse. Ich hingegen brauchte dann genau eine Minute um ihm zu sagen, dass ich nachts so stark zucke und deshalb nicht schlafen könne. Aus den daraus resultierenden Schlafstörungen und dem Restless-Legs-Syndrom würde ich mir meine Symptome erklären. Er sagte dann noch einen Satz mit zwanzig Nebensätzen, dem wohl er selbst nicht einmal mehr folgen konnte, und ich durfte nach meiner Aussage „Jetzt verdrehen sie mal nicht ihre Ansichten mit Tatsachen“ wieder gehen. Am nächsten Tag jedoch sollte ich dann in die neurologische Ambulanz, da die Ärzte mein Problem in einem schwerem RLS sahen. War zwar von mir und in die Neurologie wollte ich schon lange noch mal rüber, aber warum nicht gleich so.

Dort wurde das RLS dann in fünf Minuten bestätigt. Ich bekam Tabletten, die auch nach einer Woche anschlugen und ich schlief die erste Nacht nach über drei Monaten selig wie ein Murmeltier. Natürlich musste ich noch zwei Wochen bleiben, damit „der Erfolg durch die Außenwelt nicht gefährdet wurde“. Die waren noch sehr hart, weil man nicht mehr wusste, was ich da eigentlich noch sollte. Selbst zu meinem Psychologen musste ich die letzten eineinhalb Wochen nicht mehr, weil der nichts mehr mit mir anfangen konnte. Aber ich musste ja noch mein Geld bringen. Endlich, nach sechs Wochen, durfte ich dann wieder nach Hause zu meiner Familie.