Anekdoten des Wahnsinns

"Vorführobjekt Mensch" oder Das Geheimnis der Kommunikation

Ihr wisst ja schon, dass es bei meinem ersten Krankenhausaufenthalt fünf Tage dauerte, bevor dann überhaupt mal etwas passierte. Was ihr jedoch noch nicht wisst, ist, dass ich nicht einmal bis zum Wochenende warten musste, bis ich die ersten Studenten zu sehen bekam; oder eher, die mich. Ich war die Attraktion des Krankenhaus, da noch niemand eine Symptomatik wie bei mir gesehen hatte. So kam es mitunter vor, dass bis zu drei mal am Tag mein Zimmer vor Menschen auseinander platzte und ich mich ausfragen und untersuchen lassen musste. Na ja, ich musste gar nichts. Aber Studenten können auch nichts lernen, ohne etwas zu sehen oder zu tun. So erklärte ich mich vorerst auch einverstanden.

Das Problem an der ganzen Sache war, dass ich jeden Tag Studenten zu sehen bekam, aber nie einen Arzt. Es liefen wirklich viele Untersuchungen, aber höchstens alle drei Tage war mal jemand da, den man zu den Ergebnissen und dem weiteren Vorgehen befragen konnte. Und die Antworten waren dann doch recht karg. Ich wurde mehr und mehr zum Vorführobjekt gemacht, aber dass war nicht der Grund, warum ich da war. Ich war erkrankt, und wollte wissen woran. Heute weiß ich, dass für Fälle wie mich in so einem Krankenhaus gar keine Zeit ist und ich mich schreiend auf den Flur hätte stellen müssen, um Beachtung zu bekommen.

Am letzten Tag sagte ich der Schwester schon vor dem Trombose-Snack, dass ich heute einen Arzt sehen will. Und es kamen die Lernenden von der Physiotherapie und ich sollte den Studis auch noch Rede und Antwort stehen. Kein Arzt in Sicht. Ich unterbrach meine Mahlzeiten für eine Riesenshow. Kein Arzt in sicht. Ich lief eine Stunde auf dem Flur auf und ab. Kein Arzt in Sicht. Nach dieser Zeremonie wurde ich wieder zum Studententheater gebeten und schlug einen deal vor: Vorführung gegen einen Arzt; nur fünf Minuten Ehrlickeit, mehr wollte ich nicht. Als dann zur Antwort kam: "Tut mir leid, alle schon weg" ging ich Wutentbrannt auf mein Zimmer und packte, und meine Frau holte meine Entlassungspapiere; natürlich auf eigene Verantwortung. Na und? Zu Hause konnte nur mehr passieren als in der Klinik - weniger als nichts geht nicht.

Sind Psychologen nicht zum helfen da?

Mein Aufenthalt in der Psycho fing eigentlich ganz nett an: Schwestern wie Mitpatienten waren alle sehr freundlich, es gab einen Fernseher, zu essen und wir durften sogar nach draußen. Aber das war es auch schon an positiven Eindrücken.

Weder Duschen, noch Toiletten auf den Zimmern, sondern noch ganz altbacken auf dem Flur. Und dann nicht einmal getrennt: Es war ein Raum mit drei Duschkabienen, in denen Männlein wie Weiblein duschten. Und noch besser: In dem Duschraum, wo alle entlang gingen, mitten im Weg, standen Wäscheständer, deren Wäsche in der feuchten Luft gar nicht trocknen konnte. Dort mussten auch die Patienten mit Waschzwängen ihre Wäsche hinhängen. Ich kann mich an eine Patientin erinnern, die lief alle fünf Minuten zu ihrer Wäsche, um sie zu kontrollieren. Die anderen konnten sich schon damit begnügen, einen Zettel mit der Aufschrift "Bitte nicht anfassen!!" dazu zu legen. Muss ich eigentlich erwähnen, dass in diesem Raum auch die Utensilien der Putzfrauen gelagert wurden?

Weiter ging es mit der Erkenntnis, dass jeglich Aktivitäten, wie Entspannung und Frühgymnastik oder die Therapien im ersten Stock statt fanden. Ich war begeistert. Wenn ich den ersten Stock erreicht hatte, hatte ich meine Gymnastik mit integriertem Krafttraining schon hinter mir. Aber auf die all morgendliche Gymnastik verzichtete ich eh schon nach dem ersten mal. Denn um sich zu „befreien“, bestand die erste Übung darin, wie bescheuert durch den Raum zu laufen und dabei wie wild mit den Armen zu fuchteln. Mal abgesehen davon, dass ich nicht mal richtig gehen konnte, wie sollte ich dann noch dazu mit den Armen fuchteln?

Mittwochs war Stippvisite vom Chef. Da hieß es wie im Jugendlager dann immer Zimmer aufräumen, duschen, alle auf die Zimmer und ganz wichtig - Fensterbänke abräumen. Mein Zimmernachbar und ich hatten da immer ganz besonders viel zu tun, denn es war Winter und so bunkerten wir Sachen vom Frühstück für später immer hinterm Fenster (waren nämlich Doppelfenster, und dazwischen war es immer schön kalt). Das war jedoch allen ein Dorn im Auge. Die Schwestern konnten wir bezirzen, aber der Meister verstand da keinen Spaß. So mussten wir Mittwochs immer unseren "Kühlschrank" leeren und den Inhalt im Schrank zwischenlagern, an den zumindest wir keinen ließen.

Die Essgestörten durften nach dem Essen nicht aufstehen, solang nicht jeder seinen Teller leer gemacht hatte. Und wenn nicht - ab zum Chef. Soll es in psychischen Einrichtungen nicht so sein, dass man lernt mit Problemen umzugehen, anstatt sie in sich hinein zustopfen, um sie dann eh wieder auszukotzen? Während dieser sechs Wochen habe ich mich oft gefragt, wer eigentlich wem helfen sollte.

Mein Psychologe war übrigens als einziger der Meinung, dass bei mir kein psychisches Defizit vorliegen würde, und er arbeitete auch nicht mit den Methoden seiner Kollegen. In diesem Zusammenhang möchte ich noch kurz anmerken, dass er schon vier Wochen nach meiner Entlassung beurlaubt war, und ich auch keine Möglichkeit hatte, Kontakt zu ihm herzustellen.

Schikane oder weichklopfen?

Bei meinem ambulanten Neurologen haben wir zu spüren bekommen, dass keine Zeit für jemanden wie mich war, dem man nicht auf die Schnelle und mal eben helfen konnte. Wir bekamen immer Montags um 10 Uhr ( Notfallsprechstunde ) einen Termin bei ihm und mussten zwei bis drei Stunden warten. Jedes Mal! Er wusste, dass ich nur schwer sitzen konnte, weil dann die Missemfindungen in den Beinen sehr stark wurden, und ließ uns immer ohne Ende warten. Ich konnte verstehen, dass gute Neurologen viel zu tun haben und man auch Wartezeit einrechnen muss - aber drei Stunden mit Termin?

Bei unserem letzten Termin bekamen wir mit, wie er zu seiner Sprechstundenhilfe sagte: "Dann geben sie Herrn Horst mal einen neuen Termin, so in drei Wochen. Gern auch in der Notfallsprechstunde." ... Hallo? Da wurde mir das erste Mal bewusst, dass es entweder Schikane war, oder er uns bewusst loswerden wollte.

Da ich von meinem Arzt immer alle Arztberichte und jeglichen Schriftverkehr der Ärzte zu sehen bekam, was bestimmt keiner wusste, sah ich, dass der Neurologe einem anderen Arzt, grob zusammengefasst, schrieb: "Die Erkenntnis, dass Herr Horst unter einer Somatisierungsstörung leidet, ist nicht von der Hand zu weisen. Eigenartig ist, dass es Herrn Horst immer schlechter geht, wenn er beim Arzt ist. Neulich konnte ich Herrn Horst aus dem Auto heraus beobachten, wie er mit seinem Hund spazieren ging. Er ging normal, nur als er sich auf die rote Ampel konzentrierte zeigte sich ein leichtes Zittern der Beine." Es ging mir beim Arzt immer schlechter, das ist wahr. Aber auch nur, weil ich da erst einmal hinkommen musste. Das war immer sehr anstrengend für mich und bedeutete Stress - und meine Leiden wurden stärker. Aber Symptomfrei mit den Hunden unterwegs?

Also, was soll man da denken?

Die Mühlen der Uni

Als ich noch in der Abteilung für Neurologie lag, wurden wir nie beachtet und es wurde nie auf uns eingegangen. Keiner beantwortete unsere Fragen oder klärte uns mal über die Untersuchungen auf. Zuletzt gingen wir denen nur noch auf die Nerven und ich verweigerte mich den Studenten zur Verfügung zu stehen.Vielleicht fragt ihr euch schon, wie es denn nun dazu kam, dass ich mich selbst entließ. Nur weil ich keinen Arzt sah auf eigene Gefahr da weg? Ja, denn an diesem Tag fragten wir von morgens bis Nachmittags immer wieder nach einem Arzt und dann kam auch noch eine Assistenzärztin, die mich wieder mal auf die Studenten ansprach. Ich machte ihr das Angebot, dass, wenn ich einen Arzt zu sprechen bekomme, ich mich gern wieder zur Verfügung stelle. Leider war kein Arzt mehr da. So entließ ich mich kurzerhand und wutenrbrannt selbst. Im Arztbericht hieß es dann inhaltlich: "Wir brachten die Diagnose der Somatisierungsstörung Herrn Horst nah, aber der zeigte sich wenig kooperativ." War das der Rachefeldzug, dass ich mich wiedersetzte, ich böser Patient? Mit mir geredet, von wegen ...

Wie ich schon erzählt habe, waren wir nicht die Einzigen, die nicht davon überzeugt waren, dass ich unter einer Somatisierungsstörung leide. So etwa der Neurologe aus der Ambulanz. Man merkte ihm deutlich an, dass es ihn störte, dass er nicht mehr für mich tun konnte. Und warum konnte er nicht mehr für mich tun? Weil er es nicht durfte. Für Patinten wie mich war in so einer Anlage einfach keine Zeit. Zudem hätte es somit eventuell zu keiner Diagnose kommen können. Und das geht für so ein Krankenhaus nun mal gar nicht. Bevor man noch mehr Zeit aufwendet um dann sagen zu müssen "Wir können leider nichts finden und ihnen nicht helfen", so ist es dann eben psychosomatisch. Somit ist eine Diagnose gestellt, ich bin weg und die sind fein raus. Als ich das letzte Mal bei dem Neurologen war machte er sogar Aufnahmen von meinen Bewegung, um es mit Kollegen diskutieren zu können, wie er sagte. Die nächsten Male hatte er keine Zeit mehr für mich und eine Ärztin behandelte mich. Das war übrigens auch die, die mich unbedingt wieder einweisen wollte.

Aber auch als ich in der psychosomatischen Abteilung war, teilte jemand unsere Meinung: Nämlich mein Psychologe selbst. Auch er sprach es nicht aus, aber es ist doch schon komisch, dass er meiner These, wie mein Leiden zustande gekommen sein könnte, einfach zustimmt und drei Sitzungen wegfallen lässt, weil er nichts mehr für mich tun kann. Und der Entlassungsbericht sprach auch keine andere Sprache. Und als ich nach dem Aufenthalt noch mal Kontakt zu ihm aufnehmen wollte, weil ich dann wirklich psychologische Hilfe hätte brauchen können und ich Vertrauen zu ihm aufgebaut hatte, war er nicht mehr da. Beurlaubt. Vier Wochen später war er gar nicht mehr da. Wohl fügte auch er sich nicht den Gesetzen der Kilinik.

Gut gelaunt? Psychisch krank ...

Ich gebe euch einen Tip: Solltet ihr mal krank werden oder sein, dann geht nie gut gelaunt zum Arzt. Warum? In jedem Kranken- oder Entlassungsbericht las ich: "Herr Horst ist, in anbetracht seiner gesundheitlichen Lage, immer noch sehr freundlich und auch seine gute Laune erstaunt." Auch wenn ich euch versuche zu sagen, euch nicht hängen zu lassen und zu kämpfen, zeigt das bloß nicht den Ärzten; es sei denn, ihr wisst, dass sie auf eurer Seite sind. Denn Kranke, die glücklich sind, täuschen nur vor Krank zu sein oder / und sind psychisch erkrankt. Als ich in Kiel war, war von Freundlichkeit und guter Laune keine Spur mehr, weil ich wirklich nicht mehr konnte und es mir echt mies ging. Das war dann völlig okay und da regte sich auch keiner auf, wenn ich alle anpatzte. Zwar kamen die mir auch mit dem Psychokram, weil ich alles verlernt und verinnerlicht hatte usw., aber das ist eine andere Sache.

Von Schwestern und Therapeuten

In Kiel machte ich die Erfahrung, dass man, wenn man krank ist, nicht nur mehr lustig sein darf, sondern sich auch für nichts Interesse zeigen darf. Als ich auf meinen dortigen Physiotherapeuten traf, machte er auf mich einen sehr kompetenten Eindruck - eigentlich war er das auch. Er hatte sogar eine Anwendung gefunden, wie man mir zumindest kurzfristig helfen konnte: Vojta. Ich war so begeistert, dass ich ihn fragte, wie sich das nennt und auch sofort im Internet nachschaute. Als ich dann beim nächsten darauf ansprach, wurde er richtig verbittert. Das wäre typisch für die psychosomatisch Erkrankten, dass die sich nicht einfach mal gehen und helfen lassen könnten, sondern alles gleich näher wissen müssen. Als er mit mir und einem Rollator über den Flur ging, probierte er es mal Rückwärts aus. Ich konnte rückwärts wirklich besser gehen, aber nicht in der Geschwindigkeit. Ich hing in diesem Rollator und er sagte immer nur: "Komm, anstrengen!! Schneller!! Ich halte sie schon. Sie müssen sich konzentrieren und auf ihre Füsse achten." Das tat ich auch, aber nicht um "normal" zu gehen, sondern damit wir beide nicht auf die Schnauze fielen. "Und morgen gehen wir dann die Treppe hoch" sagte er dann völlig ernst. Als er mir aber am nächsten Tag zeigen wollte, wie man die Zuckerei in der Brustmuskulatur bremsen konnte ( ich erinnere: Ich bin psychisch krank und mache es demnach bewusst ) und sich mit seinem ganzen Vorderkörper drauf stützte, verschlug es mir die Luft. Er stemmte sich voll mit der Hand auf meine Brust schräg unterhalb des Schultergelenks und ich zuckte trotzdem noch, so viel Kraft setzte meine Muskulatur bei diesem Zucken frei. Es tat höllisch weh und ich merkte richtig, wie es die Muskelfasern zerriss, aber ich konnte nichts sagen, kaum noch atmen so groß waren die Schmerzen. Hätte ich genug Luft gehabt, hätte ich aufgeschrien. Beim nächsten mal, wieder bei Atem, habe ich ihn dann zusammengeschissen, ob er noch alle Tassen im Schrank hätte. Beim nächsten mal kam eine Kollegin. Erst nach vier Wochen gingen die Schmerzen zurück...

Und dann waren da noch die Schwestern. Morgens ging das Licht an, meine Augen aber noch nicht auf. Dann kam schon die Frage "Bauch oder Oberschenkel"? Noch schlaftrunken brachte ich nur ein "hmgrmph" heraus. Dann hatte ich die Trombosespritze aber auch schon in meinem Oberschenkel, was nicht besonders angenehm ist, wenn die durch die ganze Zuckerei schon fettfrei, dick und hart wie Elefantenstempel sind. Als ich das dann aber alles richtig realisierte waren das Licht auch schon wieder aus und die Tür zu. Dann wurde ich erst einmal richtig wach und als ich zum ersten Mal ein Auge aufmachte knallte die Tür auf und das Licht ging an. "Moin Herr Horst! Aufstehn und Waschäään!!!" Ich dachte mir brüllt ein Löwe ins Ohr. Kurzerhand und schwuppdiwupp saß ich auch schon auf dem Hocker in der Nasszelle, hatte die Hose runter und einen Waschlappen zwischen den Beinen. "Sooo, schön waschi-waschi machen" klang es mir aus dem Wernerfilm in den Ohren. Doch noch bevor ich diesen Gedanken zu Ende gedacht hatte, hatte ich meinen Kopf auch schon im Arm der Schwester, die diesen wie einen Schraubstock einspannte und nach hinten riss, während mir ihre andere Hand die Zahnbürste in den Mund rammte. Noch bevor ich wusste, was da eigentlich mit mir passierte, wurde ich auch schon wieder auf das Bett geworfen und die Bettdecke bis unter die Nase gezogen. "Denn ruhen sie sich erst mal bis zum Frühstück aus."

Wieder Licht aus, *rumms*, Tür zu...

Ist das ihr ernst??

Ich weiß nicht mehr genau, worum es ging, aber es drehte sich wohl um meinen Rentenantrag, woraufhin ich zur Untersuchung musste. Teil dieser Unter- suchung war ein EEG, was bei meiner Symptomatik nicht sonderlich verwun- derlich war, um so mehr jedoch die MTA.

Sie verkabelte mich ganz fachgemäß und dann ging es los.

"Jetzt liegen sie bitte still .... Jetzt bewegen sie einen Zeh ... Jetzt halten sie die Luft an ... Wir sind gleich fertig" ... *zuck* "Ja, dass müssen wir wohl noch mal machen." Sie schraubte, stöpselte und kabelte wieder wie wild an mir herum und es konnte losgehen.

"Jetzt liegen sie bitte still ... Jetzt bewegen sie einen Zeh ... Jetzt halten sie die Luft an ... Wir sind gleich fertig" ... *zuck* "Das gibts doch nicht. Ich wäre in zwei Minuten fertig gewesen." Und wieder kontrollierte, kabelte und steckte sie alles wieder zusammen und die Prozedur ging von vorn los.

"Jetzt liegen sie bitte still ... Jetzt bewegen sie einen Zeh ... Jetzt halten sie die Luft an ... Wir sind gleich fertig." Sie guckte mich erwartungsvoll an. "Sehr gut. Atmen sie ruhig weiter ... Halten sie die Luft noch einmal an und schließen sie die Augen ... Öffnen sie die Augen und atmen ..." *zuck*

"Sagen sie mal, Herr, Herr" ... *sie starrte auf ein Blatt* ... "Herr Lars" (lesen konnte sie schon mal nicht). Können sie das Zucken nicht irgendwie beeinflussen und zumindest die paar Minuten unterbinden?" (Und doof ist sie auch noch). Natürlich sagte ich ihr das nicht.

Stattdessen sagte ich: "Natürlich kann ich das, aber dann machts ja keinen Spaß."

Der Waldschrat

Einen Menschen habe ich während meines Aufenthaltes in Kassel ganz besonders ins Herz geschlossen. Das heißt - nicht nur ich.

Schon am ersten Tag, als ich noch in der Eingangshalle wartete, holte er mich ab. Erster Eindruck: Oh Gott ... Zweiter Eindruck: Oh Gott ... Schnell jedoch wurde mir klar, dass er mit den Coladeckeln vor den Augen nicht nur eine Sehbehinderung, sondern auch geistige Defizite hatte. Und so vergaß ich erst einmal den ersten Eindruck und stellte schnell fest, dass mehrere Behinderte in dieser Klinik arbeiteten. Fand ich gut. Aber musste es grad dieser sein, der mich morgens fertig machte???

Als dieser Mensch den ersten Morgen zu mir kam, dachte ich wirklich, mich küsst ein Elch.

"So, meine Herren, wer will denn zuerst? Jaja, na dann also Herr Horst, dann mal los."

"Können wir das Bett ganz hoch machen? Vielleicht kann ich dann ja allein runterrutschen..."

"WAS !?!?! ... Jaja, na klar. Machen wir gleich, wenn..."

"Dann müssen sie mir jetzt bitte aber hoch helfen."

"Jaja, Herr, ähm, Dings, Herr, ähm, sie können ja schon mal - Herr Horst, kommen sie?"

"Nicht ohne sie."

"Jaja, jaja. Natürlich, dann mal los." Reißt mir die Arme nach vorn. "So jetzt aber schnell. Gehn se ins Bad und machen se schon mal, dann kann ich schon mal... Herr, Herr, Herr herr, können se mal aufstehen, dann kann ich ihr Bett machen."

"Können wir mich nicht erst mal fertig machen?"

"WAS !?!?! ... Jaja, gehn se mal, gehn se mal."

"Ich brauche aber ihre Hilfe."

"WAS !?!?! ... Jaja, jaja, na klaaar. Dann mal los. Was ist?"

Dann setzte er mich ins Bad auf den Hocker, wo noch die Schamhaare meines Vorwäschers drauf waren.

"So, denn machen se mal was sie können und dann sagen sie bescheid, ich bin solang..."

... weg. Schon klar. Was ich nicht wusste, war, dass er nicht mehr im selben Zimmer war und wie vermutet nun das Bett machte, sondern schon in einem ganz anderen Zimmer. Darum wartete ich, und wartete, und wartete. Als ich nach zehn Minuten nicht mehr sitzen konnte, ging ich halt wieder ins Bett. Und das jeden Morgen, bis ... ICH KLINGELTE!! Eine glorreiche Idee wie ich fand, da er, wenn das Bad verlassen, mich schon vergessen hatte. Und tatsächlich! Nach dem Klingeln ... KAM MEIN BETTNACHBAR !!!

"Soll ich ihnen mal helfen?" Ich schüttelte mit dem Kopf ... Das kann ja heiter werden. Ich nahm seine Hilfe an, da ich nicht läger sitzen konnte, und gemeinsam wankten wir, beide mit nichts bekleidet (denn ich war ja am waschen und er wartete darauf) zum Bett.

In dem Moment kam der Pfleger wieder zur Tür herein.

"Ahh, sie machen das schon. Jaja, das ist ja. Ich bin dann bei Frau..."

"Haaaaaaalt!!!"

"Was, wie !?!?! ... Ach so - jaja. Dann mal los." Mein Bettnachbar übergab mich wieder meinem Schicksal. "Haben se alles geschafft, Herr Horst? Na toll, geht doch. Alles was man kann, so soll es sein, darum sind sie hier ..."

"Ja, so soll es sein - alles was man kann. Und ich konnte zehn Minuten sitzen und mir in der Zeit schon mal Bauch und Gesicht waschen. Der Rest ist ja nun noch nicht..."

"Was !?!?! Na ja, ich musste nur eben, weil sie hatten ja eh.."

"Schon gut, schon gut, können sie mir dann zumindest beim ankleiden helfen?"

"Was? Na klaaaaar, dazu bin ich ja da..."

Jeden, jeden verdammten Morgen ging es so, bis er es auf die Spitze trieb. Ich trottete wieder einmal allein und wie Gott uns schuf zum Bett, als er ins Zimmer stürmte.

"So Herr Horst, jetzt aber schnell. Ich bin so - und habe - ach neee..."

Ähh, wie bitte?

"Welche - Was wollen sie anziehen? Das hier wieder? WAS !?!?! Na klaaar - jaja..."

Und schneller als ich Loriot sagen konnte, an eben diesen genialen Mann ich das erste Mal da denken musste ... hatte er es geschafft, mir die Boxershorts bis unter die Achseln zu ziehen. Mir entweichte so etwas wie ein Quiecken, denn wenn der Bund einer Boxershorts unter den Armen hängt, könnt ihr euch vorstellen, was im Genitalbereich passiert. Aber wisst ihr auch, wie weh das tut??? Ich explodierte endgültig ...

"Wollen sie mir die Eier abreißen???" schrie ich so laut, dass es im Schwesternzimmer zu hören sein musste. Endlich hörte er mir zu, denn er sagte:

"Jaja, na klaaar. WAS !?!?! Nein, wieso? Wie kommes se ..."

"Schluss. Sie ziehen mich jetzt erst einmal an."

"Jaja, und dann ..."

"... ... ... müssen wir reden."

Ich sah zum ersten mal, das er nur Stationshelfer war. Auf gut deutsch: Er war der Arsch der Station, der auch noch die Arschkarte hatte. Denn Stationshelfer sind der Dreck des Krankenhauses – noch nach den Patienten. Ich bekam Einsicht und konnte ihn etwas verstehen. Warum er so viel zu tun hatte und es gleichzeitig machen musste, obwohl er es gar nicht konnte, aber auch keine andere Wahl hatte, um es zu schaffen. Wir einigten uns darauf, dass ich einfach alle zwei Tage dusche. So konnte er sich drauf einstellen und hatte immer etwas mehr Zeit. Geklappt hat es natürlich nicht - aber ich hatte einsehen und erklärte ihm jeden Tag auf's neue in aller Ruhe, was er bei mir machen muss und wo ich Hilfe brauche. Er verließ nie wieder das Zimmer, wenn ich im Bad war. Er war behindert, in welcher Form auch immer, und er war Stationshelfer. Zwei Arschkarten, die er nicht selber gezogen und ausgesucht hatte.

Als er das Zimmer verließ stellte ich mir die Szenarien der letzten Tage in Form vor, wie Loriot sie dargestellt hätte. Ein alter, nackter Mann begleitet einen jungen nackten Mann, die beide kaum laufen können, zu seinem Bett. Beide in Loriotmanier mit dicken Nasen, wie er seine Figuren halt darstellt und nicht zu beschreiben sind. Ich musste laut lachen und bekam mich nicht mehr ein. Den Gedanken teilte ich meinen Zimmerkollegen mit und das Gelächter war komplett, bis mein Bettnachbar sagte: "Ja, so ein Waldschrat hat es nicht leicht." Ich musste lachen, dass es mir die Tränen in die Augen trieb. Aber genau so hätte ich mir in der Tat einen Waldschrat vorgestellt.

Es änderte nichts an der Tatsache, dass mir schon abends vor dem Morgen graute, aber es machte daraus eher eine Ironie des Schicksals...

Der Garten Eden

Ich liege im Krankenhaus und eine freundliche Mitarbeiterin betritt das Zimmer. Es ist brüllend warm, ich habe einen Schub, war den ganzen Morgen unterwegs und völlig fertig und wollte nur schlafen.

"Ich möchte sie gern in die QiGong-Gruppe einladen."

"Ähm, wie bitte?"

"Oder wollen sie das nicht zumindest mal ausprobieren. Sie klingen so skeptisch..."

"Die Frage ist, ob die Gruppe das mit mir mal ausprobieren möchte."

Während dieser Zeilen habe ich ganzkörperlich gesehen ca. 150 mal gezuckt. Ich war also recht aktiv an diesem Tag. So entschied sie sich, es lieber doch erst einmal mit mir allein zu probieren. Ich war ja für alles offen. Ich wusste, dass ich danach zuchte - mehr denn je. Aber keiner sollte sagen, dass ich die Therapien ja nicht einmal ausprobieren würde.

Die Frau ohne Namen (wobei sich mir ja das Namensschild von ihr vorgestellt hatte) kam nicht pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt, blieb dafür aber mit mir auf dem Zimmer und ging nicht in den Therapieraum. Nach kurzer Überlegung machten wir auch kein QiGong mehr sondern zwei Minuten Atemtherapie. Dann eine halbe Minute Tiefenentspannung ohne Tiefe und dann gingen wir in den Garten, um meine Krankheit zu verlassen. Ich musste das erste mal grinsen. Aber gut - gehen wir in den Garten. Ich schloss meine Augen...

Ich sollte mir jetzt einen Garten basteln. Die Frau ohne Namen stellte mir viele Fragen: "Was für Farben sehen sie in ihrem Garten?"

Ich nannte ihr statt Farben Blumen, die ich toll finde. Ob die nun bei uns wachsen, in Australien oder drinnen war egal. Denn sie fragte nach den ganzen Farben und gab mir das Gefühl, das sie nichts verstand, was ich ihr sagte. Mit einem Grinsen im Gesicht ging es weiter.

"Haben sie einen Teich? Haben sie Bäume? Sind dort Fische oder Enten?"

Haargenau beschrieb ich wie aus der Pistole geschossen unseren Garten mit Bäumen, Tieren, Teich und Enten.

"Sie haben das doch schon mal gemacht, so genau wie die Vorstellungen von ihrem Garten sind?"

Wie kommen sie denn darauf? Ich habe meine Krankheit noch nie verlassen...

"Haben sie ein Treibhaus? ... Herr Horst?? ... Was haben sie in ihrem Treibhaus, wenn? ... Hallo??"

Ich war weggenickt und kam wieder zu mir. Ich antwortete instinktiv mal Kohl und eine rosa Rose. Leider hatte ich das Treibhaus nicht gehört. Als sie es dann noch einmal erwähnte schoss mir alles Blut in den Kopf, damit ich nicht laut loslachen musste. Warum? Kohl und eine rosa Rose waren im Treibhaus für sie völlig normal - aber nicht, dass man sie nicht in Reih' und Glied pflanzt.

"Setzen sie sich jetzt zwischen den Kohl und die Rose."

Geht doch nicht. Wäre da so viel Platz hätte ich einen Kräutergarten - einen Unkräutergarten. Doch sie beharrte darauf, dass ich mich dazwischen setze. Aber ich wollte nicht. Ich hätte dann doch, so dicht gepflanzt, alle anderen Pflanzen plattgesessen.

Mir explodierte übrigens mittlerweile fast der Kopf. Der Lachausbruch war nicht mehr weit. Sie müsste endlich zum Ende kommen. Zum Glück hatten wir die Gartenbegehung beendet und ich saß wieder unter der Lärche, die laut der Frau ohne Namen immergrün ist. Meine war es übrigens nicht.

Zu guter Letzt sollte ich der Lärche meine Kranklheit geben und ihr ihre Kraft und Energie nehmen. Bin ich denn doof? Die arme Lärche - das kann ich ihr nicht antun.

"Aber sie wissen, dass ein Energieaustausch stattfinden kann? Wie könnte der aussehen?"

Energieaustausch, ja. Aber das wäre ja Beschiss, Energie abzuzapfen und die Lärche krank zu machen. Und der Energieaustausch hüllt alles in Rosa.

Als sie mir dann zustimmte und meinte, dass dies sein könnte war alles vorbei. Ich konnte mir das Grinsen nicht mehr verkneifen und brach ab, weil ich so „einen Durst“ hatte.

Die Frau ohne Namen war völlig begeistert von meinem Garten und bot mir noch an, ein Handtuchpapier mit Duftöl zu beträufeln, damit ich daran riechen könnte. Aber wer weiß, ob sie das nicht im vorbeigehen mit vom Klo genommen hat? Ich lehnte dankend ab, weil ich davon Kopfschmerzen bekommen würde, obwohl es echte Öle sind. Bevor sie mir noch einen Vortrag über Öle hielt wurde ich schlagartig sehr müde. Die blöde Lärche hatte mir alle Energien weggenommen. Leider musste ich jetzt schlafen...

...und ganz schnell ins Bad, um mir die Tränen zu trocknen.

Freitag kommt sie wieder. Sie möchte noch meine Insel sehen ...

Objekt der Begierde

Ja, ich bin schon ein Hengst, selbst die Vögel drehen sich zu mir um - und die Schwestern. Nur sollte man doch meinen, dass etwas Professionalität trotzdem angebracht wäre. In der letzten Klinik hatte ich zwei ganz einschneidende Erlebnisse mit der holden Weiblichkeit.

Das Erste war, als das EEG gemacht und Blut abgenommen wurde. Ich saß in meinem Rolli in der Wartezone als sie dann aus der Tür kam. "Oh, Hallo" strahlte sie mich an. Zierlich schlank, kurzhaarig, lächelnd, und einen kompletten Tuschkasten im Gesicht sagte sie "Wollen wir?" Ne, ich wollte eigentlich nicht, aber es musste ja sein. Sie schob mich also in den Raum fürs EEG und redete und redete und redete. "So, nun müssen wir aber mal loslegen. Hihihi …“ Oh Gott, das kann ja heiter werden. Ja, sie legte also los und redete und redete und schamützelte um mich rum. Aber so sehr ich ihr auch zu verstehen gab, dass ich da mal gar kein Nerv drauf habe, weil ich nur noch wieder ins Bett wollte. Immerhin schaffte sie es nebenbei die Elektroden an meinem Kopf zu befestigen. Irgendwann landete sie dann - oh, welch Wunder - beim Thema Beziehung und Männer. Deshalb hatte sie ja auch kurze Haare, da sie sich grad getrennt hatte. Hatte sie mit ihrem Freund nicht abschneiden wollen, weil man ja seinem Partner gefallen will usw, usw. Ich sagte darauf nur: "Ja, schön blöd." Aber anstatt eingeschnappt zu sein lachte sie doch glatt und redete und schamützelte, was das Zeug hielt. Flirten ist das eine, aber nicht mit einem Kopf voll Stroh und einem Zaunpfahl dazwischen, den das Stroh nicht verstehen will. Als es dann vorbei war, war ich seehhhhr dankbar. Aber zu früh gefreut. Sie brachte mich persönlich hoch, weil sie ja eh noch gleich Blut abnehmen sollte und schrie quer über den Flur: "Ich habe mir meinen Mann gleich mitgebracht." Herr, erlöse mich von dem Bösen und habe erbarmen mit mir. Hoffentlich ging sie mit der Nadel besser um als mit ihrem Kopf. War jedoch nur eine Hoffnung. Ein Arm drei mal piecks, anderer Arm noch drei mal piecks, der erste Arm noch mal piecks. "Ach sie machen mich so nervös - ich schaff das eigentlich immer gleich beim ersten mal. Können sie noch? Hihihi ...“ Sie pieckste noch mal, rührte im Arm rum und da hatte ich dann die Nase voll. "Nu iss gut" sagte ich, "sonst werde ich beim Blut abnehmen doch noch mal kreidebleich. Ist wohl besser sie lassen das." Beleidigt schob sie ab und die Schwester pickste mich ein mal und endlich war ich angezapft. Ich wollte meinen, dass das alles war. Aber es kam noch besser.

Tags drauf sollte ich dann zum EKG und ich hoffte, dass die vom Vortag das nicht auch macht. Ich nachhinein hätte ich es mir gewünscht. Wieder wurde ich aus dem Wartebereich abgeholt, diesmal von einer Frau Ende zwanzig in Salinoform, die vergessen hatte sich den Oberlippenbart zu stutzen. "Legen sie sich für mich hin? Hihihihi...“ AAAAHHHHHHHHHHH !!!! Das wird ja immer schlimmer. Sie stand dann mit dem Elektrodenbaum vor mir und musterte mich, so dass ich schon Angst hatte, dass sie gleich über mich herfällt. Aber nein - sie überlegte, wo welche Elektroden hinkommen, denn genau diese nahm sie dann in die Hand und wirbelte damit hin und her. Sie setze sie an meinem Körper und ich wies sie darauf hin, dass es so nicht richtig war. "Ach Herr Horst, bei mir sind sie schon in guten Händen" Ja, da wird jeder Stein zu einem Monoliten. Am Tag darauf musste das EKG natürlich wiederholt werden - die Elektroden saßen falsch.

Ein wenig rumzuflirten und rumzuschamützeln kann ja ganz nett sein, aber ... Hatte ich das wirklich verdient ???